Wie ich zu meinem ersten Seeteufel kam

Nein sagen kann man lernen

Ich erinnere mich noch genau. Damals war ich in der Kreditabteilung einer Bank beschäftigt, als mein damaliger Chef auf leisen Pfoten hinter meinem Stuhl erschien und mich fragte, ob ich ihm nicht die Abschlussarbeit für seine Weiterbildung abtippen könnte. Jeder, der so etwas schon einmal gemacht hat weiß, dass das Abtippen eines Textes die wenigste Zeit kostet, dafür das Redigieren umso mehr. Natürlich fühlte ich mich auf der einen Seite geschätzt, doch auf der anderen war ich mit ebenso wichtigen Aufgaben ziemlich unter Druck. Schließlich gab es ja noch andere Kolleginnen. So oder so ähnlich passieren uns ständig Situation die vielleicht ein „NEIN“ von uns fordern. Nur allzu oft ärgern wir uns hinterher, dass wir uns wieder einmal haben breitschlagen lassen. In meiner Coaching-Jahresgruppe hatten wir dieses Thema kürzlich. Schnell stellten wir fest, dass hinter unserem Handeln häufig alte Glaubenssätze stecken die uns offensichtlich daran hindern „Nein“ zu sagen. Doch das ist nochmal ein ganz anderes Thema…

Kleine Schulung im Nein-Sagen

Natürlich kann ich „Nein“ sagen, denn mein Chef ist mit einer BITTE an mich herangetreten. Wenn ich diese Wahl nicht habe, ist es keine Bitte, sondern ein BEFEHL. Da muss man erstmal drauf kommen!

Was, wenn ich freundlich und höflich einfach „Nein“ sage? Wenn er antwortet „Nie haben Sie Zeit, das werde ich mir merken.“ Stopp! Das ist eindeutig ein VORWURF und grenzt an emotionale Erpressung. Es gibt Menschen, die tun das nur zu gerne, weil sie ganz genau wissen, wie man Sie kleinkriegt. Spätestens jetzt ist es erforderlich, dass Sie Ihre eigenen Bedürfnisse kennen. So können Sie angemessen reagieren und einem Konflikt gekonnt aus dem Wege gehen. Darum lernen Sie Ihre Bedürfnisse kennen und genau hinzuhören!

Eine dritte Alternative könnte sein, „Ich überlege es mir, kann ich morgen nochmal auf Sie zukommen?“. So kann ich Zeit schinden, um meine Antwort abzuwägen und mir die Sache nochmal durch den Kopf gehen lassen. Sicher hätte er meine Entscheidung akzeptiert, „Danke, dass Sie mich gefragt haben, aber andere Sachen sind gerade wichtiger (Begründung hinzufügen, z.B. Terminarbeit, hohe Konzentration erforderlich, zu viele krank im Team).“ Ich war einfach zu schnell!

Geben und Nehmen

Befinden wir uns in Beziehungen, in denen es um gegenseitiges Geben und Nehmen geht, tun wir gut daran, uns daran zur rechten Zeit zu erinnern. Egal, ob es um Arbeitsbeziehungen oder private Beziehungen geht. Ein einseitiges Erfüllen von Wünschen oder Bitten macht uns auf die Dauer mürbe und nicht wirklich glücklich. Ohne ständig etwas auf die Goldwaage zu legen, ist es einfach die beste Art zusammen klar zu kommen. So hatte ich mich seinerzeit für ein „Ja“ entschieden und kleinere Aufgaben an andere Kolleginnen delegiert. Somit habe ich Kompetenz bewiesen. Meinem Chef konnte ich den Wunsch erfüllen und ich bin bis heute glücklich mit dieser Entscheidung. Unsere enge Zusammenarbeit war geprägt von gegenseitigem Vertrauen und Anerkennung. Ich wurde zum besten Italiener Wiesbadens eingeladen und habe zum ersten Mal in meinem Leben einen sündhaft teuren Seeteufel genossen. Für mich war diese Geste eine besondere Art der Wertschätzung für meine geleistete Arbeit und ich habe mich wirklich geschätzt gefühlt.

An schöne Dinge erinnert man sich einfach gerne!

[Foto: Pia Forkheim]

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