Ein Anker im trockenen Sand.

Anker – Resilienz

Ein Anker im trockenen Sand.

Heute Morgen lerne ich einen Mann kennen. Er begegnet mir unter dem Ahornbaum im Garten, Oliver Sacks. Er ist – oder besser gesagt war  – Neurologe und schrieb unzählige Bücher über die seltsamen Leiden und Zustände seiner Patienten. Darunter Bücher mit eher lustig anmutenden Titeln wie „Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte“ oder „Der einarmige Pianist“.  Dieser Mann macht mir Lust auf mehr Lesestoff!

Meine kleine Literatur hat den schlichten Namen DANKBARKEIT. Dass mich dieses kleine, in dunkelblaues Leinen gebundene Büchlein mit dem Tod in Berührung bringt, hätte ich zunächst nicht vermutet. Sicher gibt es einen Grund dafür, dass es so lange in meinem Regal lag und mir ausgerechnet heute Morgen wieder in den Schoß fiel. Grundsätzlich liebe ich kleine Bücher, weil sie alles in komprimierter Form auf den Punkt bringen. Ich genieße die warmen Sonnenstrahlen und habe in der einen Hand meinen Kaffeebecher und in der anderen das kleine blaue Buch. So fröne ich meiner Achtsamkeit am liebsten. Ein paar inspirierende Zeilen am Morgen sind für mich mindestens so wertvoll, wie ein gutes Frühstück.

„Wie schön, dass ich nicht tot bin!“
Rufe ich bei besonders prächtigem Wetter

manchmal aus.

[Oliver Sacks]

Nach kurzem hineinschnuppern stellt sich heraus, dass Sacks ein wundervoller Erzähler mit einer leicht verständlichen Sprache ist. Von einer unheilbaren Krankheit gezeichnet, begegnet er in diesen Zeilen der Dankbarkeit seines Lebens. Sein Leben betrachtet er von oben, als fliege er über eine Landschaft, die ihm wie Puzzle-Teile alle tiefen Beziehungen verdeutlichen. Er benutzt für seine Lebensreise die Elemente der Physik und deren Ordnungszahlen und erzählt so von den einzelnen Stationen seines Lebens. Ich finde die Sichtweise von Oliver Sacks in seinem Büchlein „Dankbarkeit“ ungewöhnlich und interessant und lese so lange, bis ich am Ende des Büchleins angekommen bin.

Resilienz stärken und der Dankbarkeit begegnen

Das Thema Dankbarkeit ist in vielen Gesprächen mit meinen Klient*innen, aus den Jahresgruppen und Seminaren, ein immer wiederkehrendes Thema. Wer seine eigene Resilienz stärken will, um gestärkt durch Krisen zu gehen, kommt am Thema Dankbarkeit einfach nicht vorbei. Dankbar zu sein, bedeutet nicht zuletzt immer wieder einen Anker zu haben im Leben, der uns Sicherheit gibt und stärkt, der das Boot im Sturm festhält und nicht in den offenen Ozean der Gefühle in die Dunkelheit abdriften lässt. Haben wir erst einmal den Kurs verloren, ist es meist schwierig ihn wieder aufzunehmen.

Dankbar sein für die kleinen Dinge im Leben

Dankbar können wir jeden Tag sein, wenn wir nur einmal richtig hinschauen. Für die kleinen Dinge, die sich im Füllhorn unseres Lebens angesammelt haben. Die vielen Beziehungen, unsere Eltern, unsere Kinder und Freunde, ein gutes nachbarschaftliches Verhältnis, all das bewahrt uns vor Einsamkeit und Unterstützung in Zeiten, in denen es uns vielleicht nicht so gut geht. Die Geburt unserer Kinder, die unser Leben so sehr bereichern, lohnt sich wieder einmal ins Gedächtnis zu rufen. Unsere Nahrung, der wir nicht mehr mit Pfeil und Bogen hinterher jagen müssen, damit wir satt werden, sondern, dass es Menschen rund um den Globus gibt, die uns mit besten Lebensmitteln versorgen. Lieb gewonnene Routinen und Rituale, die uns Sicherheit geben, sind nicht außer Acht zu lassen. Situationen annehmen, anstatt sie ständig verändern zu wollen, führt zu mehr Zufriedenheit im Leben. Stets gut für sich selbst zu sorgen, Spaziergänge oder Entspannungstechniken, stärken unser Sein und schenken uns die nötige Kraft. Auch einmal den Blick auf unser eigenes kleines Universum zu lenken in dem wir leben, macht uns stark und erfüllt uns mit großer Dankbarkeit.

Während ich diese Zeilen geschrieben habe, brannte das Haus unserer Nachbarn bis auf die Grundmauern nieder. Wir und viele andere standen hilflos davor. Diese Familie konnte absolut nichts mitnehmen. Es wurde ein Spendenkonto von der Gemeinde eingerichtet.

Gerade jetzt frage ich mich, wofür können diese Menschen in diesem Schmerz dankbar sein. Dafür, dass sie überlebt haben! Dafür, dass sie eine Notunterkunft bekommen haben! Dafür, dass sie „sich“ haben, ihre Familie, ihre Freunde! Ich bin gerade selbst dankbar für diese Sichtweise. Sie alle haben mein tiefes Mitgefühl.

 Simon Beckett wurde auf einem Spaziergang gefragt:
Sind Sie an einem solchen Tag nicht glücklich, dass Sie leben? Woraufhin Beckett antwortete:
So weit würde ich nicht gehen.“

Resilienz kann man lernen

Resilienz wird im Allgemeinen als die Fähigkeit bezeichnet, gestärkt durch Krisen zu gehen. Doch es gibt verschiedene Interpretationen, so wird Resilienz u.a. als die psychische Widerstandskraft, die Fähigkeit schwierige Lebenssituationen ohne anhaltende Beeinträchtigung zu überstehen, sich zu beugen, aber nicht daran zugrunde zu gehen, benannt. Die Definitionen des Leibnitz Institut für Resilienz (LIR) lautet: „Resilienz ist die Fähigkeit zur Aufrechterhaltung oder Wiederherstellung psychischer Gesundheit während oder nach stressvollen Lebensereignissen.“

One size fits all?

Das Wort Resilienz scheint aktuell zum Modewort zu mutieren. Gerade in der Pandemie suchen viele Menschen Wege, um resilienter zu werden. Vielleicht sind Sie es längst und wissen es nur noch nicht. Man fragt sich, warum ist ein Mensch offensichtlich resilienter als der andere? Zumindest sagt die Wissenschaft, dass Resilienz nicht angeboren ist, sondern sich im Laufe eines Lebens entwickelt. Der Neurowissenschaftler Raffael Kalich (LIR) zählt dennoch drei erbliche Faktoren auf: Intelligenz, Optimismus und Extraversion. Intelligenz hilft, nach einer Krise neue Wege gehen zu können. Wer mit Optimismus gesegnet ist, gibt so schnell nicht auf und weiß, dass alles letztendlich alles gut wird, oder dass man durch eigenen Einsatz Dinge verändern kann. Wer extravertiert ist, ist kontaktfreudig und offen. Da fällt es nicht schwer, soziale Bindungen einzugehen.

„Ich möchte, dass die Menschen stolz auf sich sind,
wenn sie resilient sind. Es ist ein Akt des Triumphs, Herausforderungen und Traumata zu überwinden.
Ich möchte nur nicht, dass es die einzige Lebensweise sein muss.
Und ich möchte, dass jeder es schafft. “

[Zitat: Jami Attenberg, 19.08.2020, The New York Times]

Ständiges verharren in negativen Gedankenspiralen fördert die Resilienz nicht gerade. Unter anderem gehört ein positives Weltbild dazu, ein hohes Selbstwertgefühl, die Dankbarkeit, ein hohes Maß an positiver kognitiver Neubewertung u.a.. Resilienz ist ein dynamischer Prozess, etwas, was man lernen kann. So kann ein Mensch durchaus verwundbar sein und trotzdem resilient sein. Frohsinn, Wohlbefinden und Glück stellen sich automatisch ein, wenn das psychische Leiden gelindert wird. Ein „one size fits all“ gibt es jedoch nicht. Wie gesagt, Resilienz ist ein Prozess und der dauert. Doch niemand sollte sich entmutigen lassen, sondern immer wieder ins Spüren, Verändern und Erleben kommen.

ein Boot an Land

Foto: Pia Forkheim

Ankern Sie Ihr Boot in ruhigen Gewässern

Meine Tipps: Lassen Sie sich wieder einmal von etwas völlig Neuem überraschen oder inspirieren. Bleiben Sie neugierig! Auf diese Weise kommen Sie Ihrer eigenen Dankbarkeit und Wertschätzung für ein erfülltes Leben am schnellsten auf die Spur. Versuchen Sie aufmerksam und fokussiert zu bleiben. Bewahren Sie Ruhe in stressigen Situationen, sie gehen auch wieder vorbei. Nichts dauert ewig! Lernen Sie immer wieder Ihre Gefühle neu kennen. Gefühle benennen zu können hilft Ihnen, Ihrem wahren Bedürfnis auf die Spur zu kommen. Pflegen Sie Ihr Freunde- und Familien Netzwerk. Auch wenn Hilfe anfordern und Hilfe annehmen zu den schwierigsten Herausforderungen gehört, machen Sie es einfach und springen Sie über Ihren Schatten! Holen Sie sich Hilfe von erfahrenen Therapeuten, insbesondere, wenn Sie zu den Menschen gehören, die Traumata erlebt haben!

[Quelle, Inspiration und Zitate: Dankbarkeit, Oliver Sacks, Rowohlt Verlag; LIR – Dr. J. Fritz, Vortrag zum Thema: Welche psychosozialen Faktoren fördern die psychische Gesundheit? Eine Exkursion zum Thema Resilienzfaktoren  ]

Zum Schluss

10 Tipps, die zu besserer Resilienz verhelfen

Das Leibnitz Institut für Resilienzforschung hat die 10 wichtigsten Empfehlungen zur Stärkung der psychischen Gesundheit während der Corona Virus-Pandemie herausgegeben, die ich hier mit Ihnen teilen möchte. Hier der Link.

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